kinetische Klanginstallation


Sonus Vitæ –
Die Platte des Lebens

Ein Baum­stamm rotiert und die Fraßspuren des Borken­käfers werden durch Linsen analog vergrößert. Diese Fraßgänge werden von einem Sensor abgetastet, live in Sound übersetzt. Es entsteht ein sich ständig verändernder Klang­teppich synchron zu den vorbeiziehenden Fraßspuren. Ein akustischer Ausdruck vom Leben und Sterben, der eine neue Perspektive auf Natur und ihre Kreativität eröffnet. Eine Ambiv­alenz zwischen scheinbarer Zer­störung und ästhetischer Kompo­sition.

Sonus Vitae lieberanalog Tom Kretschmer

Der Protagonist dieser Klanginstallation entstammt einer entwurzelten Natur im ehemaligen Braunkohlebergbau der Lausitz.

Durch riesige Linsen vergrößert, erinnern die Fraßspuren an sumerische Schriftzeichen. Und doch sind sie das Ergebnis eines evolutionären Prozesses, der vollkommen wertfrei ist.

sonus vitae Sound

Vom Tonabnehmer einer Langspielplatte inspiriert, werden die Fraßspuren durch einen Sensor erkannt und in Midi-Signale gewandelt, die einen Klang in Echtzeit generieren.

Gibt es »negatives« Leben? Evolution kennt keine Wertung. Konstruktion und gleichzeitige Zerstörung schaffen Ästhetik.

Dr. Michael Geiger, Philosoph

Der Mensch hinterlässt seine Spuren, oft viel drastischer als auf dieser »Platte des Lebens«. Unsere Entschei­dungen und unser Konsum­verhalten haben Aus­wirkungen auf die Welt um uns herum. Es liegt an uns, Verant­wortung zu übernehmen und nachhaltige Wege des Zusammen­lebens mit der Natur zu finden.

Immersive Installation

Je nach Licht­einfall bilden Fraß­gänge unterschiedliche Strukturen, die von einem Sensor erfasst und durch einen Algo­rithmus analysiert werden. Midi-Signale werden an eine Software über­geben, die eine Klang­komposition in Echtzeit generiert. Vorbeiziehende Fraß­gänge erzeugen eine interaktive Klang­landschaft aus Didgeridoo und Fujara: luft­durchströmtes Holz und dessen Ober­töne.

Durch Langspielplatte und Klangwalze inspiriert, aber mit unendlichen Variationen

Damit sich der Ton nach einer Umdrehung nicht wiederholt, bewegt sich der Stamm auch in vertikaler Richtung. Oben angekommen dreht sich der Stamm nicht etwa rückwärts, sondern behält seine Drehrichtung bei und wird wieder nach unten bewegt. Somit entsteht eine mannigfaltige Klangkomposition.

Sie planen die nächste Ausstellung oder das nächste Festival?

Borkenka fer sonus vitae 01 1

Die Larven des Borkenkäfers folgen einer Struktur: Sie schlüpfen aus 50-100 Eiern und fressen spiegelsymmetrische Gänge rechtwinklig zum Muttergang. Sie werden dicker und ihre Gänge breiter, kommen sie sich sehr nahe, aber nie in die Quere. Und das in der einzigen nährstoffreichen Schicht des Baumes. Die Folge: Der Baum stirbt. Schließlich verpuppen sich die Larven zum Käfer, durchstoßen die Borke und fliegen davon.

Der Zyklus beginnt von Neuem.

Das Männchen bohrt sich durch die Borke und versprüht Pheromone um weitere Artgenossen anzulocken. Denn das zur Verteidigung notwendige Harz wird somit reduziert und der Baum schneller geschwächt. Das Männchen höhlt die Rammelkammer aus, lockt das Weibchen an und begattet es. Dieses bohrt den Muttergang und legt die Eier wie eine Perlenschnur: Ausgangslage für die nächste Komposition auf der »Platte des Lebens«.

Welchem Prinzip folgt der Mensch mit seinem Konsumverhalten?

»Sonus Vitæ« ist Preisträger des Andreas-Kunstpreises »Natur–Mensch« 2023 und lief im Rahmen der Kunstausstellung »Natur–Mensch« vom 17.9. bis 28.10.2023 im Nationalpark Harz.


Andres Preis Fo rderung Tom Kretschmer

»Rezension meiner Assoziationen«
von Dr. Michael Geiger

Gewöhnlich stehe ich sehr kritisch spontan geäußerten Gedanken gegenüber. Vermutlich ist es ein kognitiver Ekel gegenüber dem Gebrauch von „unverdauten“ Begriffen.

Große Brocken bleiben unverdaut und bedienen nur kurzweilig die Illusion der Sättigung und Stärkung. Angeblich bereitet erst dreißigmaliges Kauen den Verdauungsprozess richtig vor.

Das haptische Mahlen mit den Zähnen, das Abwägen mit der Zunge, das Manövrieren im Mund, das Durchmischen mit Speichel, alles das benötigt Zeit und Energie. Dieser Vorgang „frisst“ kostbare Energie, ebenso „frisst“ er Zeit.

Beides Ressourcen, über die wir nur sehr begrenzt verfügen.

Deshalb spricht Hegel von der „Mühe des Begriffs“ und genau deshalb weicht man dem „Fraß“ der Mühe so gerne aus.

Mit den optischen und akustischen „Fraß-Spuren“ verhält es sich anders. Die Leichtigkeit der Eindrücke lässt die Sinne abheben, assoziieren in eine unbekannte Welt.

Welche Assoziationen bemächtigten mich spontan meiner Sinne?

  • Es ist die Schönheit der Abweichung, die Überraschung, die für uns verborgene Regellosigkeit in jedem Fraß Gang. Das Regel-lose verunsichert zwar, befreit aber auch vom Einhalten von Regeln. Ein spannendes Dilemma.
  • Es ist die unablässige Suche nach Mustern, nach einer verborgenen „Ordnung“. Das Ähnliche wird schnell zum Vertrauten. Das Vertraute beruhigt bis es zu langweilen beginnt.
  • Es ist die Faszination des sinnlichen „Erlebens“ der Einheit der Welt. Wie geht das zusammen, das Auge und Ohr sich „synchronisieren“? Das Staunen wird zum Genuss.
  • Es ist die Demut vor der Schöpferkraft der Natur. Ein Borkenkäfer, mit seinen simplen, fest „Verdrahteten“ Reiz-Reaktion Pattern, erzeugt solch eine Skulptur, solch ein Relief an Formen. Wie „ungelenk“ nehmen sich dagegen viele der Schöpfungen des Menschen aus.

Für mich ist die Botschaft der Installation die, dass Kunst nicht nur im Auge und den Sinnen des Beobachters entsteht, sondern ebenso in den Schöpfungen der Natur. Unsere Fähigkeit diese zu entdecken und anderen zugänglich zu machen, ist Teil künstlerischen Schaffens.­­­

Im Genießen der Eindrücke wird das „Fressen der Zeit und Energie“ plötzlich ohne Bedeutung. Das Wissen darum, dass Evolution nicht gerichtet ist, Sinn-leer ist angesichts solcher Eindrücke schwer zu ertragen. Oder vielleicht gerade deshalb, … aber damit fangen schon wieder die Mühen der Begriffs-Arbeit an. Nebenbei: Mühe gebiert mitunter auch Genuss. Viele Geistesarbeiter berichten von der erlebbaren „Schönheit“ der kognitiven Welt, seien es Lösungen in Zahlen, Algorithmen oder Begriffen.


Dr. Michael Geiger, (1949)
studierte Philosophie, Volkswirtschaft, Geschichte, Logik und Erkenntnistheorie, arbeitet als Hochschullehrer, Unternehmer, Coach und Publizist



Idee & Konzept: Tom Kretschmer
Sound: Martin Krause
Script:
Berlinciaga
Didgeridoo:
 Willi Grimm
Fujara: Gérard Widmer
Hausbockkäfer: 
Materialprüfanstalt Eberswalde

Sie haben Interesse an einer künstlerischen Kooperation oder wollen einfach nur Feedback geben? Sehr gerne – schreiben Sie mir!